Facebooks schlimmstes Gift

Die Zahlenreligion ist das Heroin der Aktivist_innen

Ein Mal zu oft haben wir von gestandenen Roten Helfer_innen etwas gehört wie „Aber Twitter funktioniert. Unser Tweet über die üble Bullenaktion ist 450 mal retweetet worden.“ Und deshalb möchten wir hier versuchen, euch zu überzeugen, dass das nicht nur normaler, sondern sogar gefährlicher Quatsch ist.

Die Überhöhung kapitalistischer Barbarei zum Menschheitssegen, der seit vierzig Jahren unter dem Label „Neoliberalismus“ vor sich hinwütet, hat einen bizarren Begleitkult hervorgebracht: Den religösen Glauben, eigentlich alles sei „messbar” und müsse auch „gemessen“ werden, um objektive Kriterien für kommunikatives und insbesondere politisches Handeln abzuleiten.

Schon vor 1980 weit verbreitet war der Glaube, mit dem Bruttosozialprodukt sei „Wohlstand“ und mit dessen Wachstum der Erfolg des Wirtschaftens messbar. Wenn wer eingewandt hat, dass Glaspaläste neben Elendsquartieren irgendwie nicht ihrem intuitiven Verständnis von Wohlstand entsprechen, haben fortschrittlichere Ökonom_innen vielleicht noch einen Gini-Koeffizienten oder eine ähnliche zweite Kennzahl angeboten. Die Technik, versagenden Zahlenkult mit mehr Zahlen reparieren zu wollen, wird uns nochmal begegnen. Schon hier wollen wir aber anmerken, dass solche Zahlenspiele bequem sind, um Analysen von Klassenantagonismen (also: es gibt Arme und Reiche) zu unwissenschaftlichen Spekulationen zu degradieren, was sicher ein Grund für die enorme Popularität dieses Hokuspokus ist.

Jedenfalls: BSP und Gini-Koeffizient sind Beispiele für Metriken. Darunter wollen wir hier Zahlen verstehen, die anstelle tatsächlich nicht mess-, häufig nicht mal definierbarer Phänomene („Wie gut kann wer lesen?“ „Wie viel hat unser Widerstand beigetragen, dem ekligen Polizeigesetz ein paar Zähne zu ziehen?“) erhoben und dann herangezogen werden, um Menschen, Handlungen, Institutionen, politische Verhältnisse nach ihren „Leistungen“ im Hinblick auf diese Phänomene zu beurteilen.

Mit der Durchökonomisierung der Gesellschaft haben sich diese Metriken immer weiter verbreitet. Kaum eine Augenbraue hebt sich heute noch, wenn Mensen gerankt werden, PISA die „Effizienz“ von Bildungssystemen „misst“ oder diverse Vereine die „lebenswertesten“ Städte oder Länder küren (jeweils unterschiedlich, versteht sich). Spätestens, seit die großen Plattformen im Internet (zu diesen vgl. RHZ 3/17) anfingen, einen Teil der Ergebnisse der Bespitzelung ihrer User_innen als Köder für neue User_innen zu verwenden, sind nun die Metriken im Alltag stinknormaler Menschen angekommen – der Erfolg einer Kampagne oder die Putzigkeit des Babys bestimmt sich wesentlich über die Zahl der Likes.

Mythos Messbarkeit

Aber was heißt es denn, wenn eure Kampagnenseite 50000 Mal gelesen wurde? Vielleicht waren ja 99% der Reads Versuche blöder Bots, euere Wordpress-Instanz zu knacken? Oder 80% kamen von Nazis, die mal kräftig über Gutmenschen abgeiern wollten?

Dann sagt ihr: „Das kann ich aber rauskriegen, ob das Nazis waren. Mein Google Analytics sagt mir das.“ Lassen wir die Frage mal beiseite, ob das mathematische Modell, das sich Google Analytics von „Nazi“ macht, viel mit dem zu tun hat, was ihr euch drunter vorstellt: Um überhaupt so eine Klassifikation vorzunehmen, müssen eure Leser_innen fett ausgeforscht werden.

Aber selbst wenn es 80% Nazis waren: An sich wärs ja erstmal nicht schlecht, wenn Nazis auch mal menschenfreundliche Texte lesen. Vielleicht lassen sich ja ein paar davon durch sowas von ihrer menschenfeindlichen Kacke abbringen? Mit nur ein paar seitenübergreifenden Verknüpfungen der Analytics lässt sich doch auch das messen, oder?

Nein – der Versuch, Metriken durch mehr Metriken zu retten, führt zu einer unendlichen Regression des immer wahnwitzigeren Datensammelns und immer weitreichender Versuche, das, was an Daten da ist (das ist im Wesentlichen das, das Maschinen und Menschen, die sich tracken lassen, im Netz tun) in das zu übersetzen, was die Leute eigentlich interessiert. Und das ist selbst dann nichts, was eine Antirepressionsorganisation haben wollte, wenn die Metriken irgendwann den Antworten wenigstens nahe kämen.

Aber das tun sie fast nie. Schon im Marketing klappt das ja nur so-so: wer hat nicht schon herzlich gelacht, wenn die Werbenetzwerke wieder mal versuchen, einer_m Urban Gardening-Aktivist_in Rasenmähroboter anzudrehen? Das, was wir als RH eigentlich wollen, ist noch weit schlechter messbar als der Bedarf nach Hilfen zur Vorstadtgartenpflege. Wir wollen staatlicher Repression etwas entgegensetzen, Eingefahrenen Mut machen, Leuten Selbstbewusstsein im Umgang mit der Staatsgewalt geben, Verfolgte nicht allein stehen lassen, autoritäre Gesetzgebung verhindern oder irgendwann auch wieder zurückrollen und so fort. Nichts davon ist sinnvoll zu messen. „Hey, nach eurem WTWB-Workshop hatte ich wirklich 5 Selbstbewusstsein, als uns die Bullen eingekesselt haben“?

Und selbst dort, wo es einfache Kennzahlen gibt – wie viele Leute waren bei der Veranstaltung? Wie viele bei der Demo? –, ist die nackte Zahl meist kaum hilfreich. Eine kämpferische Demo mit 500 lauten Leuten und guter Laune mag im Nachhinein mehr bewirken als eine verkorkste Latscherei mit ein paar tausend Gelangweilten, die nachher alle das Gefühl haben, mensch könne ja doch nichts tun. Auch das ist typisch, so typisch, dass wir das gerne als Lehrsatz formulieren:

„Wenn du genug weißt, um deine Kennzahlen zu verstehen, brauchst du die Kennzahlen nicht mehr, denn du weißt auch ohne sie schon das, was du wissen willst.“

Detox

Dennoch: da, wie oben beklagt, Metriken weit über die dämlichen Notendurchschnitte hinaus Alltag stinknormaler Menschen geworden sind, erzählen auch Linksradikale begeistert von Retweets und Likes und führen aus, dass mensch viel mehr Reads bekäme, wenn der Absatz höchstens zwei Sätze und der Satz höchstens zehn Wörter enthalte (oh ja, auch „Lesbarkeit“ wird gemessen durch Zählen von Erbsen, Wörtern und Silben). Mensch kann das bedauern, weil es noch mehr Lebensbereiche den Kalkülen von Wettbewerb („die hat aber mehr Freunde als ich“) und Ökonomie unterwirft. Blöd ist bestimmt auch, dass Leute aus solchen Kennzahlen unsinnige Schlüsse ziehen (siehe oben).

Uns als Datenschutzgruppe ist aber vor allem zuwider, dass solche Metriken aus Daten entstehen, die in jedem Fall zu einem taugen: Sehen, wer wann was gelesen, mit wem in Beziehung getreten ist. Das wiederum ist keine (fragwürdige) Metrik, das ist, einmal aggregiert, ein intensiv annotierter sozialer Graph, ein Werkzeug der politischen Repression, und das nicht mal im kybernetischen Sinn („Steuerung der Gesellschaft“ – das ist vermutlich genauso eine Illusion wie die Metriken selbst), sondern um rauszukriegen, welchen Laden, welche WG als nächstes gerazzt wird.

Da nun also Metriken für gute Zwecke nutzlos sind, aber böse Folgen haben: Befreit euch von ihnen. Meidet Plattformen, die Metriken erheben. Wo ihr gar nicht anders könnt als zu solchen Schurken zu gehen, übt Zen und bringt euer Hirn dazu, nicht hinzuschauen, wenn sie euch Metriken vorsetzen. Wo ihr selbst EDV betreibt, schaltet das Logging aus. Wenn euch wer anders etwas von Reads und Likes erzählt, hört nicht zu oder besser, klärt die Leute auf, was sie da tun.

Aber was sonst?

„Aber wie wissen wir denn, ob unsere Webseite funktioniert, ohne Zugriffszahlen?“ könnt ihr jetzt fragen. Wir würden erstmal erwidern, dass ihr es auch mit Zugriffszahlen nicht wisst – darum ging es ja oben. Aber es gibt tatsächlich eine gute Möglichkeit, rauszukriegen, ob etwas „funktioniert“ hat: Redet mit denen, die ihr ansprechen wollt.

Klar, alle werden was anderes sagen, und schlimmer: Mit Leuten reden ist anstrengend. Das ist ja, warum Metriken bei Vorstands- und Parteivorsitzenden populär sind: Sie sind billig und mensch muss nicht mit dem Pöbel reden. Aber das sollten keine Kriterien für Linksradikale sein.

Zuhören statt zählen. Das ist rundrum besser, beleibe nicht nur, weil sich Zuhören so sehr von Abhören unterscheidet, dass die Staatsgewalt nicht viel damit anfangen kann.

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Dieser Artikel ist in der Kolumne get connected der Zeitung der Roten Hilfe erschienen. Weiterverwendung unter CC-SA oder GNU FDL ohne invariante Teile ist willkommen; wenn für diese Zwecke einE Copyright-HalterIn relevant werden sollte, wendet euch vertrauensvoll an uns.

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